Premiere am Hindelanger
Unsere erste Klettersteigtour ohne Bergführer: der Hindelanger am Nebelhorn — und die Erfahrung, wie anders sich ein Steig anfühlt, wenn jede Entscheidung die eigene ist.
Oberstdorf, 28.07.2026
Der Einstieg zum Hindelanger Klettersteig liegt kaum hundert Meter von der Gipfelstation des Nebelhorns und ihrer Restaurantterrasse entfernt. Für uns war es eine Premiere: unsere erste Klettersteigtour ohne Bergführer. Im Jahr zuvor hatten wir einen Kurs bei einer Alpinschule gemacht, wenige Tage zuvor eine geführte Tour über vier Steige mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Jetzt wollten wir es allein versuchen.

Bevor es losging, mussten wir erstmal die Ausrüstung besorgen. Christina lieh Helm, Gurt und Klettersteigset bei der Alpinschule; ich kaufte Gurt und Set in Oberstdorf — in dem Geschäft, das uns die Alpinschule empfohlen hatte. Kein Abklappern von Läden, sondern direkt beim Fachmann und mit einer richtig guten Beratung. Einen eigenen Helm besaß ich ohnehin schon seit dem Vorjahr, weil man eine Actioncam-Halterung nicht auf einen Leihhelm klebt.
Von der Talstation in Oberstdorf brachte uns die Nebelhornbahn zur Station Höfatsblick, die Gipfelbahn von dort weiter hinauf aufs Nebelhorn. Gleich zu Beginn schwebte die Gondel an der Schattenbergschanze vorbei — von oben überblickt man das ganze Stadion, und wir konnten einige Übungssprünge beobachten.

Am Einstieg legten wir die Ausrüstung an, dabei schauten uns ein paar Neugierige von der Terrasse der Gipfelstation zu. Schön, dass sich die Klettergurte diesmal nicht verdreht hatten. Da sahen wir beim Anlegen gleich wie Profis aus und konnten zügig den Partnercheck machen. Zum ersten Mal stand kein Bergführer daneben, der am Ende nickte oder nachbesserte. Wir waren aufgeregt und ein bisschen stolz — so, wie man sich fühlt, wenn man zum ersten Mal etwas Anspruchsvolles ohne Aufsicht machen darf.

Dann ging es los - klettern, kraxeln, steigen - Griff, Tritt, umhängen, weiter. Unsere Stimmung war gut, die Konzentration hoch, und auch unsere Geschwindigkeit passte. Was uns überraschte: Mit den Bergführern waren wir auf schwereren Steigen unterwegs gewesen — aber irgendwie hier, wo jede Entscheidung unsere eigene war, waren wir noch stärker fokussiert. Das war doch etwas anderes als bisher und strengte zusätzlich an.

Der Hindelanger hat mehrere Ausstiege — Abstiege hinunter auf einen Panoramaweg, der unterhalb des Grats verläuft. Und er verlangt, die Uhr im Blick zu behalten: Wer die letzte Talfahrt der Nebelhornbahn verpasst, steigt mehr als zwei Stunden zu Fuß nach Oberstdorf ab. Auf halber Klettersteigstrecke standen wir an einem der Ausstiege und berieten kurz. Die Zeit war fortgeschritten, die Konzentration hatte Kraft gekostet — und bis hierhin waren wir sicher und sauber geklettert. Genau das hatten wir uns vorgenommen. Also stiegen wir zufrieden ab.
Der Rest war Genuss: der Panoramaweg zurück zum Edmund-Probst-Haus, die Gondel hinunter nach Oberstdorf.



Unsere erste eigene Tour. Es wird nicht die letzte gewesen sein.
Der Hindelanger Klettersteig in den Allgäuer Alpen ist ein klassischer Gratklettersteig von rund vier Kilometern Länge mit mehreren Gegenanstiegen. Er führt von der Gipfelstation am Nebelhorn über die Wengenköpfe zum Großen Daumen (2.280 m). Schwierigkeit: bis B/C, überwiegend A und B — eine teilweise anspruchsvolle Gratüberschreitung mit mehreren luftigen Passagen, überwiegend, aber nicht durchgehend gesichert. Mehrere Abstiegsmöglichkeiten führen vom Grat nach Süden ins Koblat und geben bei Wetterumschwung oder nachlassenden Kräften einen angenehmen Sicherheitsspielraum. Wer mehr möchte, kann den Steig über den Großen Daumen hinaus mit dem Klettersteig über die Hohen Gänge verbinden.